2.2 Was ist eigentlich russisch?

Typisch russisch!?

Typisch russisch!?

In diesem Buch geht es um Russlanddeutsche. Im vorigen Kapitel habe ich mich mit der Frage beschäftigt, was eigentlich richtig deutsch ist. Jetzt möchte ich fragen, was das typische Russisch-Sein ausmacht. Das ist für mich als deutschem Autor natürlich schwerer. Zum einen habe ich vom Russisch-Sein viel weniger Ahnung und muss mich daher in diesem Kapitel vor allem auf die Meinungen und Ansichten anderer verlassen. Zum anderen bin ich vielleicht etwas gehemmter. Als Deutscher fällt es mir leicht, einen Witz oder eine unschöne Wahrheit über mein eigenes Land zu erzählen. Ob ich mich das bei der Frage nach dem Russisch-Sein auch traue?
Du solltest jedenfalls die Frage im Kopf behalten, was Stereotypen über Deutsche und Russen mit den Russlanddeutschen zu tun haben.

1. Über Stereotype

Im letzten Kapitel hatte ich über Vorurteile gesprochen. Vorurteile sind oft auch auf Stereotype aufgebaut. Was meine ich damit? Stereotype, oder Klischees, sind künstliche, von Menschen geschaffene Bilder. Diese Bilder werden aus bestimmten, in der Wirklichkeit beobachtbaren Dingen oder Verhaltensweisen geschaffen. Sie bilden aber nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Man darf sie daher nicht mit der Wirklichkeit gleichsetzen. Wenn ich zum Beispiel in der Bildergalerie des letzten Kapitels schreibe, dass die Deutschen ihre Autos lieben und damit gern auf der Autobahn fahren, so ist das gleichzeitig wahr und nicht wahr. Einerseits geht diese Behauptung von der beobachtbaren Tatsache aus, dass tatsächlich viele Deutschen ihre Autos sehr pflegen und schon über kleine Lackkratzer in große Aufregung geraten. Andererseits gibt es natürlich ebenfalls viele Deutsche, die kein Auto besitzen, keines wollen oder es gar nicht mögen, auf der Autobahn zu fahren.

Warum benutzt man dann solche Stereotype? Sie vereinfachen die komplexe Wirklichkeit und machen es uns leichter, uns in ihr zu orientieren. Sie helfen uns dabei, gewisse Dinge zu erklären (Beispiel: Warum gibt es in Deutschland so viele Autobahnen und keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung?). Wenn wir Stereotype aber mit der Wirklichkeit verwechseln und anfangen, sie auf alle Betroffenen (Deutschen oder Russen) zu übertragen, verstehen wir zum Schluss nicht mehr, sondern weniger voneinander. 

Darstellung 1

Der Soziologe Max Weber über Stereotype

[Ein Stereotyp] wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluss einer Fülle von [...] hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankenbilde. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit [...] vorfindbar, es ist eine Utopie [...].

Utopie: eine künstliche Vorstellung von etwas, die es in Realität nicht gibt

Max Weber, Die "Objektivität" sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 19 (1), 1904, S. 65.

Darstellung 2

Das Problem mit den Stereotypen

Das Problem an Stereotypen ist, dass die Realität und die Vorstellung in den seltensten Fällen miteinander übereinstimmen. Dabei müssen Stereotype aber nicht grundsätzlich falsch sein: Manchmal handelt es sich nur um Nuancen, die von den tatsächlichen Gegebenheiten abweichen. Diese sind jedoch ärgerlich für diejenigen, auf die ein Stereotyp projiziert wird.

Hinsichtlich der Stereotype, die westliche Menschen oft mit Russland verbinden, zeigt sich jedoch eine gewaltige Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Vorstellung.

Nuancen: Kleinigkeit, Feinheit
projizieren: eine bestimmte Sache oder Vorstellung auf jemanden oder etwas übertragen
Diskrepanz: Uneinigkeit, Nichtübereinstimmung, Widersprüchlichkeit oder Missverhältnis zweier Sachen

Sabrina Kölbel, Institut für digitales Lernen.

Aufgabe 1

Stereotype und Vorurteile haben offensichtlich sowohl positive wie negative Seiten (vgl. Kap. 2.1, Aufgabe 1).

  1. Bilde dir auf der Grundlage deiner Recherchen in Kapitel 2.1 und den Darstellungen 1 und 2 in diesem Kapitel deine persönliche Meinung über Vorurteile und Stereotype.
  2. Stelle die Meinung in kurzen Schülervortrag dar.

2. Gängige Stereotype über Russen

Stereotyp 1: Russen gelten als tiefsinnig und melancholisch

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Paintings_by_Ivan_Kramskoy#/media/File:Kramskoi_Meditator_1876.jpg
Galerie: die russische Seele
Ivan Kramskoi
Созерцатель
PD

Das Land Russland ist weit und riesengroß. Die Winter dort sind lang, dunkel und kalt. Oft hört man Leute sagen, dass diese Umstände sich über Jahrhunderte auf die russische Seele niedergeschlagen und die Russen zu einem Volk von nachdenklichen und melancholischen Menschen gemacht haben. Russische Schriftsteller wie Dostojewski und Tolstoi haben unglaublich dicke Romane geschrieben, die sich seitenweise nur mit dem Innenleben ihrer Figuren oder ausufernden Landschaftsbetrachtungen befassen. Russische Komponisten haben große musikalische Werke geschaffen, die von einer besonderen Schwere und Traurigkeit geprägt sind. 

Darstellung 3

Zwei Hörbeispiele russischer Komponisten

Stereotyp 2: Die Russen gelten als trinkfest

Russisches Anti-Alkohol-Plakat
Tam Connors-Sadek
No Vodka!
CC 2.0 BY-ND

Ähnlich wie die Deutschen, stehen die Russen in dem Ruf, gerne viel Alkohol zu trinken. Wenn man sagt, dass das Bier Teil der deutschen Kultur ist, so ist der Vodka (ein starker, aus Kartoffeln gebrannter Schnaps) Teil der russischen Kultur. Ob zum Essen, bei Geburtstagen, Begräbnissen, Vertragsabschlüssen oder Hochzeiten – Vodka ist immer dabei.

Den Russen wird dabei auch eine besondere Trinkfestigkeit nachgesagt, dass sie, wenn der ausländische Gast schon längst unter dem Tisch liegt, noch lange weitertrinken könnten. Ewig vertragen die Russen den Vodka aber auch nicht: Die Lebenserwartung russischer Männer ist, vor allem wegen des hohen Alkoholkonsums, mehrere Jahre niedriger als die anderer Europäer.

Darstellung 4

Über die Probleme des hohen Wodkakonsums in Russland

Hier findest du ein Video von 2014, in dem erläutert wird, warum der übermäßige Konsum von Wodka in Russland ein Problem ist.

Durch zahlreiche Kampagnen gegen Alkohol und für einen gesunden Lebensstil ist der Konsum von Wodka in Russland laut einer Studie der WHO mittlerweile stark rückläufig und das Klischee der trinkfesten und betrunkenen Russen nur noch das: ein Klischee.

Sabrina Kölbel, Institut für digitales Lernen

Stereotyp 3: Die Russen sehnen sich nach Gemeinschaft, völlige Eigenständigkeit ist ihnen eher verdächtig

Ein weiteres Stereotyp über Russen lautet, dass sie eher nach einer starken, verbindenden Gemeinschaft streben, nicht so sehr nach dem Ausleben individueller Freiheit. Vielleicht liegt das an der Kälte und Weite des Landes oder am Kollektivdenken in der Sowjetunion; vielleicht ja auch an den gesellschaftlichen Veränderungen und Verwerfungen seit Zusammenbruch der Sowjetunion. 
Viele Russen scheinen einen starken, manchmal auch übergriffigen Staat akzeptabel zu finden, solange dieser Staat das Versprechen einlöst, sich um seine Bürger zu kümmern. Gleichheit wird als gesellschaftliches Ziel höher geschätzt als Freiheit.

Stereotyp 4: Die Russen tanzen gerne

Es gibt in Russland eine jahrhundertealte Volkstanz-Tradition. Gut, die gibt es andernorts auch. Aber das besondere in Russland ist, dass diese Tradition das tägliche Leben bis heute prägt. In Russland wird viel getanzt und zwar anders als zum Beispiel in Deutschland.
In Deutschland wird vor allem paarweise getanzt und oft tanzen nur Frauen. In Russland tanzen häufig auch die Männer – allein und in der Gruppe, mit fester Choreografie oder wild und ungebremst auf Parties. Darüber hinaus verehren die Russen das Ballett. Im Bolschoi-Theater in Moskau tanzt das vielleicht bekannteste Ballettensemble der Welt. 

Darstellung 5

Tanzende Russen

Diese Videoausschitte russischer Tänzerinnen und Tänzer lassen vermuten, dass Tanzen in Russland etwas anderes ist, als in Deutschland.

Quelle 1

Der deutsche Komponist Carl Friedrich Zelter (1758-1832) über die russische Leidenschaft für das Tanzen

Bekanntlich tanzen Russen und Polen gern, schön und mit einem bieg- und regsamen Ausdruck, der eine weit edlere Lebhaftigkeit sehen läßt, als man im gemeinen Leben an ihnen wahrnimmt. Die Russischen Lieder und Tänze welche ich gehört habe, waren ohne Ausnahme in Molltönen, dabey sehr lebhaft und bestanden aus vielen geschwinden Noten und kurzen Metren. Wären diese Tänze aus Durtönen gewesen, so würden sie mir ausgelassen lustig und wild vorgekommen seyn; durch die Molltonart aber werden sie ernst, mild, ja sehnsüchtig indem sie nach Heiterkeit zu streben scheinen die eine feuchte, kalte Luft und der Genuß scharfer Nahrungsmittel verhindern.

Molltönen: dunkle, düstere Töne
dabey: dabei
Durtönen: helle, klare Töne
seyn: sein

Friedrich Wilhelm Riemer (Hg.), Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, Berlin 1833, S. 307f.

Stereotyp 5: Die Russen baden und saunieren gern

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:banya?uselang=de#/media/File:Typical_Russian_Banya.jpg
Galerie: Baden

Ein weiteres Freizeitvergnügen, für das die Russen berühmt sind, ist, bei jedem Wetter, in eigentlich zugefrorenen Gewässern, zu baden. Für den Rest der Welt scheint das Baden eine Möglichkeit zu sein, sich bei heißem Wetter zu erfrischen. Beim russischen Baden hat man den Eindruck, dass es richtig kalt sein muss, damit die Badewilligen ins Wasser springen.
Zum Baden in Eiswasser gehört dann aber natürlich auch das Saunieren in einer 'Banja'. Solche russischen Saunen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie besonders heiß gemacht werden. Sie haben Lufttemperaturen, die oft über 100° C liegen. Russen scheinen also beim Baden und beim Saunieren Extreme zu mögen.

Aufgabe 2

  1. Finde und erläutere Widersprüche zwischen einzelnen Stereotypen im obigen Text.
  2. Welche Erkenntnis lässt sich aus diesen Widersprüchen im Bezug auf die Aussagekraft von Stereotypen gewinnen?

3. Wie ähnlich sind wir uns?

In den oben aufgeführten Stereotypen über die Russen fallen mir mehrere Dinge auf, die man auch den Deutschen nachsagt. Der Hang zur Nachdenklichkeit, der enge Bezug zum Wald, die Sehnsucht nach Gemeinschaft und ein spezielles Verhältnis zum Alkohol. In beiden Kulturen scheint es eine Neigung zu Extremen zu geben. Da scheint es doch zum Beispiel einen Widerspruch zwischen dem angeblichen In-sich-gekehrt-Sein und dem Hang zum exzessiven Feiern unter Alkoholeinfluss zu geben.

Aufgabe 3

Fertige Anhand von Kapitel 2.1 und Kapitel 2.2 eine Mindmap zum Thema 'Stereotype: Russen und Deutsche' an. Berücksichtige dabei folgende Aspekte:

  • Gängige russische / deutsche Stereotype
  • Vor- und Nachteile von Stereotypen
  • Gegenseitige Sichtweisen