2.4 Kulturelle Beziehungen zwischen Russen und Deutschen

Vielleicht lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Deutschen und Russen ja auch darüber erklären, dass beide in der Vergangenheit viel miteinander zu tun hatten. Die Beziehung zwischen Deutschland und Russland ist jahrhundertealt, zeitweise hatten beide Länder gemeinsame Grenzen. Das schafft eine gewisse Nähe und Verbundenheit. Aber wie sahen die deutsch-russischen Verbindungen in der Vergangenheit aus? Ich werde das in diesem und dem nächsten Kapitel anhand von einzelnen Personen und Ereignissen beschreiben. In diesem Kapitel beginne ich mit russischen Künstlern, die auch in Deutschland einflussreich waren und das kulturelle Leben mit prägten.  

Hinweis für Lehrinnen/Lehrer

Erarbeitung des Kapitels in Kleingruppen

Das Kapitel 2.4 ist für eine Bearbeitung in Expertengruppen mit anschließender Präsentationsphase besonders geeignet. Dazu muss die Gesamtgruppe auf folgende Kleingruppen verteilt werden:

Gruppe 1: Literatur – Fjodor Dostojewski
Gruppe 2: Musik – Pjotr Iljitsch Tschaikowski
Gruppe 3: Malerei – Marianne von Werefkin

Die jeweiligen Aufgaben finden sich in den entsprechenden Unterkapiteln.

1. Der Schriftsteller Fjodor Dostojewski

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Galerie: Dostojewskij
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PD

Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821-1881) gilt als einer der großen Autoren der Weltliteratur. Seine berühmten Romane wie 'Schuld und Sühne' (in der Neuübersetzung 'Verbrechen und Strafe'), 'Der Idiot' oder 'Die Brüder Karamasow' sind in über hundert Sprachen übersetzt worden. Dostojewskis Bücher handeln viel von den inneren Konflikten ihrer Hauptfiguren, aber auch von den großen philosophischen Fragen seiner Zeit: 'Kann der Mensch allein durch die Vernunft eine bessere Welt schaffen?' oder 'Ist die Religion die Grundlage oder der Feind des menschlichen Glücks?'. In Deutschland wurden Dostojewskis Bücher schnell bekannt und hochgelobt. Viele deutsche Schriftsteller und Denker fühlten sich von Dostojewski stark beeinflusst.

Ein Fenster zur russischen Seele?

Für viele Deutsche war und ist Dostojewski aber nicht nur ein großer Schriftsteller und Psychologe, sondern ein Darsteller und Erklärer der russischen Seele. Viele Leser sehen in den Romanfiguren Dostojewskis typische Russen: Voll von inneren Widersprüchlichkeiten, auf der Suche nach Gott, nachdenklich, überdreht, ausgestattet mit einer Neigung zu Exzess und Ausschweifung und gleichzeitige mit tiefer Reue über diese Neigung.

Somit wäre Dostojewski auch eine Art Übersetzer, der seinen ausländischen Leser 'die Russen' dadurch erklärt, dass er sie in sie hineinschauen und all die verworrenen russischen Gedanken und Gefühle erblicken lässt..     

Aufgabe 1

  1. Stelle einen übersichtlichen Steckbrief mit den interessantesten Lebensereignissen in Dostojewskis Leben zusammen. Recherchiere dafür im Internet.
  2. Suche nach Beschreibungen der Figur des Dimitrij Karamasow in Dostojewskis Werk "Die Brüder Karamasow".
    Erarbeite eine kurze Beschreibung des Charakters und der Handlungsweise dieser Figur.
  3. Beurteile anhand des gesamten Materials die Dostojewski zugeschrieben Rolle als 'Erklärer der russischen Seele'.

Darstellung 1

Der nationalistische deutsche Kulturhistoriker Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925) über Dostojewski und die Russen

In der Mitte der russischen Dichtung steht Dostojewski. Wenn die russische Dichtung das größte Russische ist, so ist Dostojewski der größte Russe. Er ist das zentrale Genie Rußlands: Genie im allerhöchsten schöpferischen Sinne eines Mannes, der nie vor ihm Dagewesenes aus dem Boden schlägt. In Dostojewski ist der russische Volkscharakter zum ersten Male zur verkörperten Weltanschauung, zu Wort und Sprache und als ganzes Lebenswerk zu einem einzigen großen Epos geworden. [...]

Dostojewski ist der Ausdruck des russischen Wahnsinns, der Tragödie im Russentum, der Fleischwerdung all seiner mystischen Verinnerlichung und hektischen Geladenheit. Dostojewski hat wie Tolstoi das Epos des russischen Lebens geschaffen, aber er hat es weit großartiger getan: er hat dieses russische Leben nicht nur ausgestattet mit einem unerhörten Gestaltenreichtum, der ganz Rußland, der das ganze Slaventum in all seinen verschiedenen Nationalitäten, Kasten und Typen, vom simplen Muschik bis zum Petersburger Aristokraten, vom Nihilisten bis zum Bureaukraten, vom Verbrecher bis zum Heiligen in tausend Nuancen umgreift – Dostojewski hat noch mehr getan und ihm auch die Offenbarung einer bewußten russischen Weltanschauung zu Grunde gelegt.

Muschnik: ein russischer Bauer
Nihilist: Einer, der an nichts glaubt (von lat.: nihil = nichts). Nihilismus war zur Zeit Dostojewskis eine philosophisch-politische Strömung, die Kirche, Staat und alle ordnenden Instanzen abschaffen wollte.
Bureaukrat: Bürokrat

Arthur Moeller van den Bruck, Bemerkungen über Dostojewski, in: Fjodor Dostojewski, Die Dämonen. Roman in zwei Teilen. Übertragen von E. K. Rahsin. Mit einer Einleitung von Moeller van den Bruck. Leipzig 1906.

Darstellung 2

Vielleicht doch nicht so russisch?

Das Bild einer 'russischen Seele', die sowohl im Westen als auch in Russland allzu oft beschworen wird, wird oftmals Dostojewskis Werken zugerechnet. Zweifellos hat der Autor die Literatur Russlands vielfach und nachhaltig geprägt, jedoch wurden auch nichtrussische Literaten seiner Zeit und anderer Zeiten von ihm beeinflusst, beispielsweise der amerikanische Autor Ernest Hemingway oder der deutsche Schriftsteller Thomas Mann.

Übertrug Dostojewski vielleicht sogar seine eigene melancholische, romantische, leidenschaftliche und ungeduldige 'Seele' auf seine Protagonisten und schuf so den Mythos einer 'russischen Seele', obwohl er nur sich selbst meinte?

Sabrina Kölbel, Institut für digitales Lernen.

2. Der Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Pyotr_Ilyich_Tchaikovsky?uselang=de#/media/File:Der_junge_Tschaikowski.jpg
Galerie: Tschaikowsky

Der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893) gelangte noch zu seinen Lebzeiten zu Weltruhm. Er gilt bis heute als einer der wichtigsten Komponisten der Romantik. In seinen Werken vereinigen sich russische Einflüsse mit europäischer Kompositionstechnik. Tschaikowski komponierte mehrere Ballette, darunter die weltberühmten 'Der Nussknacker' und 'Schwanensee'. Das Ballett – also die Kombination aus klassischer Musik und Tanz – war und ist wohl nirgends so populär wie in Russland. Und schon dadurch, dass er sich so stark um das Ballett bemüht hat und es mit seinen Werken entscheidend prägte, kann man Tschaikowski eindeutig als russischen Komponisten erkennen. Seine russischen Kollegen sahen das bisweilen anders und warfen ihm vor, 'zu europäisch' zu komponieren.

In Europa und vor allem in Deutschland, wohin Tschaikowski mehrere Konzertreisen unternahm, war man anderer Meinung. Hier wurde er als ein großer Romantiker gefeiert, dessen Musik das Publikum mit einer Wucht und Innigkeit ergriff, wie es vielleicht wirklich nur einem 'echten Russen' gelingen konnte.

Aufgabe 2

  1. Stelle einen übersichtlichen Steckbrief mit den interessantesten Lebensereignissen in Tschaikowskis Leben zusammen
  2. Finde ein Hörbeispiel, das deiner Meinung nach auf besondere Art und Weise etwas von der 'russischen Seele' transportiert und erläutere deine Auswahl.
  3. Tschaikowski wurde in seiner Heimat manchmal als zu europäisch kritisiert, in Deutschland jedoch als 'typisch russisch' gefeiert. Erläutere diesen Widerspruch. 

Darstellung 3

Tschaikowski in der Popkultur

Auch wenn du bis jetzt von Tschaikowski noch gar nichts wusstest, so hast du höchstwahrscheinlich schon einmal seine Musik gehört. Tschaikowskis Werke werden noch heute vielfältig verwendet.

In Hollywood-Filmen:

  • Eine Inszenierung von Tschaikowskis Ballett 'Schwanensee' in New York bildet die Rahmenhandlung im Film 'Black Swan' von 2010.
  • In seinem Film 'Dornröschen' verwendet Walt Disney einen Walzer aus dem gleichnamigen Ballett von Tschaikowski.

In der Werbung:

  • Diese Joghurtwerbung benutzt den Anfang von Tschaikowskis 1. Klavierkonzert.
  • Diese Werbung für einen Sahnelikör benutzt einen Remix aus Tschaikowskis 'Tanz der Zuckerfee' in seinem Ballett 'Der Nussknacker'.
  • Diese Werbung eines Gasanbieters nutzt gleich zwei Tschaikowski-Themen: Das Eröffnungsthema aus dem Nussknacker und ebenfalls das 1. Klavierkonzert.

Als Remix/Cover in (mehr oder weniger) aktueller Musik:

  • Der Schlager 'Bianca' von Freddy Breck übernimmt ziemlich direkt eine Melodie aus Tschaikowskis 'Capriccio Italiano' (ab Min. 4:40). 
  • Ob im Metal, oder im Electro, Tschaikowski-Themen werden immer wieder in aktueller Musik verwendet. Bei beiden Beispielen stammen diese Themen aus 'Schwanensee'.

Darstellung 4

Wichtige Deutsche in Tschaikowskis Leben

Von der Arbeit seiner deutschen Komponisten-Kollegen hielt Tschaikowski nicht allzuviel. Die Werke großer Zeitgenossen wie Johannes Brahms (1833-1897) und Richard Wagner (1813-1883) wurden von ihm eher negativ beurteilt. Nichtsdestotrotz haben Deutsche in Tschaikowskys Leben und bei der Entstehung seiner Musik immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Drei Beispiele:

Rudolf Kündiger

Bei dem nach Russland ausgewanderten Deutschen hatte Tschaikowski ab 1855 Klavierunterricht. Zu dieser Zeit wurde Tschaikowski in St. Petersburg noch zum einem Justizbeamten ausgebildet. Er sollte nach dem Willen seiner Eltern eigentlich Beamter werden. Kündinger war vor allem von den Improvisationsfähigkeiten seines Schülers beeindruckt. Von einer Karriere als Musiker riet er Tschaikowski trotzdem ab.

Hans von Bülow

1874 komponierte Tschaikowski sein 1. Klavierkonzert und präsentierte es seinem damaligen Lehrer Nikolai Rubinstein. Dieser war mit dem Werk sehr unzufrieden und riet Tschaikowski, es komplett umzuschreiben. Tschaikowski tat das nicht, sondern schickte die Noten an den damals berühmten deutschen Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow. Dem gefiel das Konzert. Er nahm es mit auf seine USA-Tournee und führte es dort mehrfach mit großem Erfolg auf. Heute ist das 1. Klavierkonzert eine der berühmtesten Kompositionen Tschaikowskis.

Gustav Mahler

Anfang 1892 war Tschaikowski in Hamburg, um dort seine Oper 'Eugen Onegin' aufzuführen. Eigentlich hätte Tschaikowski selbst die Premiere dirigieren sollen, doch er war mit der deutschen Übersetzung überfordert und hatte Probleme im Umgang mit Orchester und Sängern. Für ihn sprang dann der Hamburger Kapellmeister und Komponist Gustav Mahler ein und rettete die deutsche Erstaufführung. Tschaikowski lobte die Arbeit seines deutschen Kollegen in den höchsten Tönen.

Lukas Epperlein, Institut für digitales Lernen

3. Die Malerin Marianne von Werefkin

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Marianne_von_Werefkin?uselang=de#/media/File:Marianne_von_Werefkin_-_Selbstbildnis.jpeg
Galerie: Werefkin
Marianne von Werefkin
Selbstporträt
PD

Die Malerin Marianne von Werefkin (1860-1938) gilt als eine der bedeutendsten russischen Künstlerinnen und gleichzeitig als eine der wichtigsten Impulsgeber für den deutschen Expressionismus.

Ihr Vater war ein reicher russischer Adeliger, ihre Mutter Malerin. So wurde das künstlerische Talent der jungen Werefkin schon früh entdeckt und gefördert und sie erhielt Privatunterricht bei einem der berühmtesten russischen Maler ihrer Zeit, Ilja Repin. Schon bald machte sie sich selbst einen Namen als Malerin naturalistischer Gemälde und galt gar als 'der russische Rembrandt'.

Nach dem Tod ihres Vaters zog sie 1896 nach München. Dort widmete sie sich eine Zeit lang völlig der künstlerischen Ausbildung ihres Ehemanns Alexei Jawlensky und malte zunächst selber gar nicht mehr. Sie hatte in dieser Zeit allerdings regen Kontakt zu anderen russischen und deutschen Künstlern in München. 1906 begann Werefkin dann wieder zu malen, allerdings wandte sie sich von ihrem alten, naturalistischen Stil ab und begann, mit neuen Maltechniken zu experimentieren.

Mit anderen russischen und deutschen Malern tat sie sich 1911 zur Künstlervereinigung 'Der Blaue Reiter' zusammen, deren Ausstellungen weltweites Aufsehen erregten und die als stilbildend für den Expressionismus (siehe Darstellung 6) gilt. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 musste Werefkin als Russin Deutschland verlassen. Sie zog in die Schweiz, gründete dort eine weitere Künstlergruppe, 'Der Große Bär' und starb 1938 in Ascona.

Aufgabe 3

  1. Stelle einen übersichtlichen Steckbrief mit den interessantesten Ereignissen im Leben Marianne von Werefkins zusammen.
    Gehe dabei auch kurz auf die Künstlervereinigung 'Der Blaue Reiter' ein und erkläre deren Bedeutung.
  2. Kann man etwas Russisches in von Werefkins Bildern?
    Finde zwei Bildbeispiele und erläutere deine Position.
  3. Beurteile einen möglichen Zusammenhang zwischen dem aufkommenden Expressionismus und dem sich anbahnenden Ersten Weltkrieg.

Darstellung 5

Was ist Expressionismus?

Der Expressionismus ist eine künstlerische Stilrichtung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte. Im Expressionismus sollten Gemälde die Dinge nicht darstellen, wie sie waren, sondern so, wie der Künstler sie empfand.
Die Gemälde sollten Ausdruck (lat.: expressio) des Innenlebens ihrer Schöpfer sein. Um mit der bestehenden Kunstauffassung zu brechen, veränderten die Expressionisten Farben und Formen in den Abbildungen. Ein Himmel konnte grün sein und ein Pferd blau. Sie vermieden sanfte Übergänge, malten großflächig und mit harten Brüchen. Ein Gesicht konnte eine einheitliche Farbfläche sein und ein Mensch ein schwarzer verzerrter Schattenriss. Mit dieser künstlerischen Veränderung wirkte der Expressionismus auf fast alle Stilrichtungen der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Lukas Epperlein, Institut für digitales Lernen