3.2 Haben auch Gruppen eine Identität?

Gruppenidentität: gemeinsam stark oder gefangen im System?

Gruppenidentität: gemeinsam stark oder gefangen im System?

Im letzten Kapitel ging es um persönliche Identität und die Frage: "Wer bin ich?" Es gibt aber auch Identitäten, die von mehreren Menschen geteilt werden, die also aus der Frage: "Wer sind wir?", erwachsen. Unterscheiden sich diese Gruppenidentitäten von persönlicher Identität? Ich denke schon. Meiner Meinung nach sind Gruppenidentitäten viel starrer und können viel weniger leicht verändert und beeinflusst werden. Sie können ihre Träger also regelrecht gefangen halten. Was meine ich damit?  

1. Was meine ich mit Gruppenidentität?

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Association_football_hooliganism#/media/File:UEFA_Euroleague_FC_Salzburg_vs._AFC_Ajax_Amsterdam_14.jpg
Die Gruppenidentität sogenannter 'Ultras': gewaltbereite Krawallmacher oder besonders engagierte Fans?

Gruppenidentitäten können sich auf ganz unterschiedliche Gruppen beziehen, z.B.:

  • Nationalitäten (Deutscher, Türke, Russe)
  • Kulturen (Deutscher, Türke, Russe)
  • Religionsgemeinschaften (Katholik, Muslim, Jude)
  • Subkulturen (Punk, Skater, Hipster)
  • politische Gruppen (Sozialist, Konservativer, Liberaler)
  • gesellschaftliche Schichten (Arbeiter, Bildungsbürger, 'Prekariat')

Alle diese Gruppen haben gemeinsam, dass man den Eindruck hat, etwas über ihre Mitglieder zu wissen. Manchmal gibt es aber einen großen Unterschied zwischen dem, was die Leute in einer dieser Gruppe über sich sagen und dem, was Außenstehende über sie sagen. Die Aussagen "So seid ihr." und "So sind wir." meinen nicht das Gleiche. Beide Aussagen haben jedoch etwas mit der Identität einer Gruppe zu tun.

Aufgabe 1

Gruppenspiel

Bildet Kleingruppen mit jeweils vier bis sechs Teilnehmern.

  1. Jedes Gruppenmitglied sammelt 3-5 Gruppenidentitäten, mit denen es sich selbst identifizieren kann. Schreibt diese einzeln auf 3-5 Zettel.
  2. Faltet eure Zettel und sammelt sie.
  3. Jemand zieht den ersten Zettel, liest laut vor.
    Dann rät er, zu wem die genannte Gruppenidentität passen könnte.
    Hinweis: Wenn er einen eigenen Zettel zieht, gibt er ihn ungelesen wieder in die Sammlung.
  4. Jeder bekommt einen Punkt, wenn er richtig argumentiert hat.
  5. Das Spiel geht im Uhrzeigersinn weiter, bis alle Zettel gezogen und besprochen sind.
  6. Gewonnen hat der Teilnehmer mit den meisten Punkten.

Darstellung 1

Darstellung einer Gruppe: fanatische Fußballfans

  • Hier ist ein Link zu einer Aufnahme von Fans in Aktion.

 

 

2. Identitätszuschreibungen von außen: So seid ihr.

https://en.wikipedia.org/wiki/Americans#/media/File:Uncle_Sam_(pointing_finger).png
Galerie: Außensicht auf die US-Amerikaner

Gruppenidentitäten werden oft von Menschen mitgeprägt und aufrechterhalten, die der entsprechenden Gruppe gar nicht angehören. Das sind nicht selten Minderheiten. Solche Prägungen funktionieren dann vor allem über Vereinfachungen und Verallgemeinerungen: Man nimmt also gewisse Merkmale, die bei einigen Mitgliedern der Gruppe zu beobachten sind, und behauptet, dass alle Gruppenmitglieder diese Merkmale haben.

Diese Zuschreibungen sind oft auch eher negativ. Die Mehrheit kann sich nämlich dadurch positiv von der Gruppe abgrenzen. (Siehe dazu auch das letzte Kapitel.) Auch bei Gruppenidentitäten gilt: Wenn ich sage: "Ihr seid rückständig", bedeutet das auch: "Wir sind fortschrittlich."

Aufgabe 2

Arbeite die Bildergalerie "Außensicht auf die US-Amerikaner" durch. Ermittle mit einer Bilduntersuchung, inwiefern Bilder Stereotype befördern können.
Nutze dazu auch die Erkenntnisse aus dem Kapitel 3.1.

Hinweis: Bei einer Bilduntersuchung gehst du in drei Schritten vor.

  • Beschreibe Aufbau, Farbgebung und Einzelelemente des Bildes.
  • Deute Aufbau, Farbgebung und Einzelelemente sowie deren Zusammenhang. Welche Botschaft sendet das Bild aus?
  • Beurteile und werte diese Botschaft des Bildes.

3. Gruppenidentität von innen: So sind wir.

Natürlich wird Gruppenidentität auch von den Mitgliedern einer Gruppe geschaffen und geprägt. In jeder Gruppe haben die Gruppenmitglieder eine gemeinsame Vorstellung darüber, was sie ausmacht. Die Dinge, die eine Gruppe ausmachen, sind Überzeugungen und Verhaltensweisen: Das bedeutet, die Gruppe bestimmt, was sie glaubt und was sie tut.
Wie bei Zuschreibungen von außen handelt es sich hierbei meistens auch um Verallgemeinerungen. Was das heißt? Nur selten wird ein bestimmtes Gruppenmitglied alle Merkmale der Gruppe erfüllen. Beispiele: Nicht jeder Christ geht jeden Sonntag in die Kirche und nicht jeder Hip-Hopper trägt Basecap. Aber die Gruppenmitglieder sind sich normalerweise schon darüber einig, dass bestimmte Merkmale zur Identität der Gruppe gehören.

Darstellung 2

Eine Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland

Hier findest du eine Informationsbroschüre über das Leben in Deutschland,

Aufgabe 3

Gruppenarbeit

Bildet erneut Kleingruppen mit vier bis sechs Personen.

  1. Erstellt gemeinsam eine Liste der in Darstellung 2 genannten typischen Verhaltensweisen von Deutschen.
  2. Nun überlegt jedes Gruppenmitglied für sich allein:
    a) Wer in deiner Gruppe würde den einzelnen Punkten zustimmen?
    b) Welche Punkte sind dir selbst wichtig?
  3. Tauscht euch über die Antworten aus.
  4. Diskutiert die Bedeutung eurer Ergebnisse für eine mögliche deutsche Gruppenidentität.