5.1 Blütezeit der russlanddeutschen Kultur

Blühende Landschaften – selbst gebaut?

Blühende Landschaften – selbst gebaut?

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der deutschen Kolonisten an der Wolga. Durch harte Arbeit verwandelten sie die Steppe in fruchtbares Ackerland, bauten ihre Dörfer aus, errichteten Kirchen und Schulen und schufen sich so eine neue Heimat. Zusätzlich zu dem Wohlstand, den sie für sich erwirtschafteten, genossen sie auch über die meiste Zeit das Wohlwollen der russischen Regierung. Sie hatten aus einem unsicheren Grenzland einen Teil des russischen Staates gemacht. Sie zahlten Steuern, trieben Handel und trugen zur Entwicklung der ganzen Gegend bei.

1. Strenge Disziplin und blühende Landschaften

Galerie: Blühende Landschaften

Nach ihrer Ankunft hatten die Kolonisten mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Klima an der Wolga und am Schwarzen Meer war anders als zu Hause: Im Sommer war es sehr heiß, im Winter bitterkalt. Die Steppenlandschaft war völlig unbebaut und musste erst tauglich für die Landwirtschaft gemacht werden. Nach einer unterschiedlich langen, schwierigen Anfangszeit entwickelten sich die Kolonien der deutschen Siedler aber sehr positiv. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts stiegen die Einwohnerzahlen stark an und der Reichtum der Dörfer wuchs. Dieser Wohlstand wuchs in den deutschen Dörfern in erheblich stärkerem Maß, als in den nicht-deutschen Dörfern der Umgebung. Woran lag das?

Sicher hatten die Deutschen mit ihren Privilegien gute Startbedingungen (siehe Kapitel 2.3). Sie waren frei (keine Leibeigenen), bekamen Land zugeteilt, hatten ihre Selbstverwaltung und mussten ihre Söhne nicht zum Militärdienst schicken. Aber der Erfolg der deutschen Siedler hatte auch etwas mit der Organisation ihrer Dörfer zu tun. Als Fremde in einem großen, oft unwirtlichen Land entwickelten die Siedler innerhalb ihrer Dörfer ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Sie schotteten sich nach außen ab und passten aufeinander auf bzw. kontrollierten sich. Die deutschen Dörfer wurden von gewählten Schulzen geleitet, die darauf achteten, dass alle Bewohner fleißig und sittsam waren. Verschwendung von Eigentum wurde nicht geduldet. Und wer es an Arbeitseifer fehlen ließ, musste sich dafür vor der Dorfgemeinschaft rechtfertigen. Durch harte Regeln und strenge Kontrolle zu Fleiß und Sparsamkeit angetrieben, waren die Siedler wirtschaftlich schnell erfolgreicher als ihre Nachbarn.

Quelle 1

Bericht eines russischen Generalstabsoffizier über die Russlanddeutschen im Jahr 1863

Die Kolonisten sind unsere Amerikaner, die die wüste Steppe in herrliche Dörfer mit Gärten und Fluren verwandeln, unsere kapitalistischen Landwirte, die von Jahr zu Jahr reicher werden und immer mehr Land einnehmen und ihm Wert zumessen und den Preis der Arbeit durch ihre außergewöhnliche Nachfrage erhöhen.

Die völlige Überzeugung von der Notwendigkeit der Arbeit, der Einfachheit des Lebens, die bis zum Stoizismus reicht, das Bewusstsein des sozialen Vorteils gegenseitiger Unterstützung und der Pflichten gegenüber der Regierung kennzeichnet sie.

Darstellung 1

Der wirtschaftliche Erfolg russlanddeutscher Bauern im 19. Jahrhundert

Mit der Reform Zar Alexanders II. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Land der Russlanddeutschen zu ihrem Eigentum. Das führte zu einer größeren Motivation, Besitz zu haben und die Landwirtschaft zu modernisieren. Viele Erfindungen und Neuerungen wurden gemacht:

  • eine regelmäßige Düngung mit vorhandenem Mist aus dem Stall; 
  • die Bewässerung im Gartenbau;
  • die Einführung der Kartoffel; 
  • die Konstruktion, Einführung und Verbreitung neuer Geräte (Egge mit eisernen Zähnen)
  • die Zucht von Merinoschafen 
  • die Züchtung der 'roten deutschen Kuh' durch Kreuzung der friesischen Kuh mit der ukrainischen Steppenkuh.

Allein die Kolonisten an der Wolga brachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu 320.000 Tonnen Getreide pro Jahr auf den Markt. Der in den Südkaukasus-Kolonien erzeugte Wein betrug vor 1914 ein Sechstel der gesamten Weinproduktion Russlands. Und die deutschen Handwerker in den Kolonien produzierten nicht nur für die deutschen Kolonisten, sondern auch für die russischen Nachbarn. Im Jahr 1852 bauten die Handwerker zum Beispiel im Schwarzmeergebiet 2.634 Pferdewagen. Diese wurden nicht nur von Landwirten, sondern auch vom russischen Militär gekauft.

Katharina Neufeld, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold

Darstellung 2

Die religiösen Überzeugungen der Kolonisten

Die deutschen Kolonisten hatten bei ihrer Übersiedlung nach Russland natürlich auch ihre heimatliche Religion mitgebracht. Diese war, je nach Herkunftsregion, vor allem evangelisch und katholisch. Damit unterschieden sich die Kolonisten von den sie umgebenden russischen Bauern, die fast alle der russisch-orthodoxen Kirche angehörten.

Kolonisten unterschieden sich aber auch untereinander. Zusätzlich zu den beiden Hauptkonfessionen evangelisch-lutherisch und katholisch, waren unter den Kolonisten auch Anhänger kleinerer evangelischer Glaubensströmungen, etwa Mennoniten. Sie waren meistens sehr gläubig. Oft waren sie gerade wegen ihres Glaubens nach Russland ausgewandert. Katharina die Große hatte den Siedlern ja religiöse Freiheiten versprochen, die sie daheim in Deutschland so nicht gehabt hatten.

Aus ihrer Religiosität leiteten viele Siedler ihre grundlegende Haltung zum Leben ab: Ein gottgefälliges Leben sollte aus innerer Frömmigkeit, harter Arbeit und Disziplin bestehen. Luxus, Trägheit und Verschwendung lehnten sie ab. Mit solchen Werten lebten viele Siedler aber nicht nur ein gottgefälliges Leben. Sie wirtschaften auch sehr erfolgreich. Die religiösen Überzeugungen der Kolonisten waren also einer der Gründe, warum sie in Russland wirtschaftlich oftmals erfolgreich waren.

Lukas Epperlein, Institut für digitales Lernen.

Darstellung 3

Bevölkerungsentwicklung der Wolgadeutschen

Die Zahl der Wolgadeutschen wuchs vom 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stetig. Waren es in den 1770er-Jahren noch etwa 24.000 Menschen, wurden am Ende des 19. Jahrhunderts bereits 402.037 Menschen gezählt, die sich bis zum Jahr 1890 auf insgesamt 198 Kolonien verteilten. Auch der Landbesitz der Russlanddeutschen allein im Schwarzmeergebiet und an der Wolga vergrößerte sich auf 5,5 Millionen Hektar.

Sabrina Kölbel, Institut für digitales Lernen, auf Grundlage von Angaben des Museums für Russlanddeutsche Kulturgeschichte, https://www.russlanddeutsche.de/de/russlanddeutsche/geschichte/aus-der-geschichte-der-russlanddeutschen.html.

Tabelle 1

Bevölkerungsentwicklung der Wolgadeutschen (1769-1834)

JahrAnzahl deutscher Siedler an der Wolga
177325.781
181560.000
1850165.000
Zusammengestellt auf Grundlage von https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Russlanddeutschen [21.01.2021].

2. Arbeit – Kirche – Schule: das Leben im Dorf

Galerie: Leben im Dorf

Sieht man sich den Plan einer wolgadeutschen Siedlung im 19. Jahrhundert an, so fallen einem mehrere Merkmale auf: Das Dorf bestand aus mehreren, ähnlich oder sogar völlig gleich gebauten Gehöften. Diese wurden von geraden, sich rechtwinklig kreuzenden Straßen miteinander verbunden. Am Dorfrand befanden sich einige für das Dorfleben notwendige Betriebe, zum Beispiel eine Mühle oder ein Sägewerk. Und im Dorfzentrum befanden sich immer zwei Gebäude: die Kirche und die Schule.

Diese Gestaltung der Dörfer zeigt gut, woraus das Leben auf den Dörfern bestand: Die Arbeit auf dem Feld, im Haus und in der Werkstatt nahm den größten Raum ein. Unterbrochen wurde der von den Tages- und Jahreszeiten vorgegebene Arbeitsrhythmus nur von Sonntagen und kirchlichen Feiertagen. Die meisten der deutschen Siedler waren sehr religiös. Daher baute jedes neu gegründete Dorf so schnell wie möglich eine eigene Kirche. Dank der ihnen zugesicherten Religionsfreiheit konnten sie dort ihren mitgebrachten (meistens evangelischen) Glauben praktizieren.

Den Siedlern war auch die Bildung ihrer Kinder sehr wichtig. Deshalb bezahlten sie Lehrer und schickten ihre Kinder zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr zur Schule. Das Schuljahr dauerte von November bis März. In den anderen Monaten mussten die Kinder bei der Haus- und Feldarbeit mithelfen.

Quelle 2

Die deutschen Dörfer an der Wolga in einem Reisebericht

Ein spitzer Turm und Windmühlen – das ist eine deutsche Kolonie aus der Ferne. Kommt man näher, muß man durch einen halb ausgetrockneten Bach. Die Dorfstraßen sind wegen der Feuergefahr breit angelegt; die Zäune sind alle aus Weidenruten geflochten, denn Holz ist teuer. Nur spärliche Wälder verkrüppelter Eichen und Schlehen trifft man dann und wann.
Die Hauptpersönlichkeiten in einem Wolgadorfe, das manchmal über 1000 Einwohner hat, sind: der Pastor, der Obervorsteher, der Vorsteher, der Kolonieschreiber, der Küsterlehrer und der Lehrer. Dazu gehören wohl noch die Kaufleute und die Großwirte. [...]

Es ist geradezu wunderbar, wie rein sich dort die deutsche Sprache erhalten hat; zum Teil hört man sogar noch Mundarten, wie schwäbisch. In ihren Sitten sind die Kolonisten vollkommen deutsch geblieben.

Reisebericht des Oberlehreres J. Mühlbaum, zitiert nach: Theodor Baßler, Das Deutschtum in Rußland, München 1911, S. 20f.

Nachbau eines typischen russlanddeutschen Hauses

Große Stube

Hauptwohnraum der Familie und Gästezimmer, das Sofa oben links ist ausziehbar für Übernachtungsgäste, in manchen Häusern stand hier auch ein Himmelbett für die Gäste.

Elternschlafzimmer

Hier schlafen die Eltern und die kleinen Kinder.

Sommerstube

Hier schlafen die Söhne der Familie. Der Raum ist als einziger der Wohnräume nicht mit dem zentralen Ofen des Hauses verbunden. Die Türe nach draußen (hier nach oben) wird im Winter oft zugemauert um soviel Wärme wie möglich im Haus zu halten.

Küche

Hier wird während der kalten Monate das Essen zubereitet. Der Ofen versorgt auch die anderen Wohnräume mit Wärme. Während des Sommers wird meistens in der 'Sommerküche' einem kleineren Bau auf dem Hof gekocht.

Kleine Stube

Hier schlafen die Töchter der Familie, tagsüber ist die Stube ein Raum für Handarbeiten. In der Wand zur großen Stube (Nr. 1) befindet sich ein Ofen, der mit der Kochstelle in der Küche verbunden ist. Über diesen Ofen werden kleine Stube, große Stube und Elternschlafzimmer geheizt.

Werkstatt

Hier arbeitet der Vater und bildet die Söhne in seinem Handwerk aus.

Tür zum Stall

An dieser Seite des Hauses schließt sich der Stall an. Dort werden, je nach Reichtum der Familie, Kühe, Pferde, Schafe, Schweine und Hühner gehalten.

Vorratskammer

Hier wurden Vorräte gelagert. Die Stiege rechts führt zum Speicher, wo beispielsweise Mehlsäcke aufbewahrt wurden. Oft gab es noch eine Treppe in den Keller, wo im Sommer verderbliche Waren (Fleisch und Milchprodukte) aufbewahrt wurden. Auch in Fässern eingelegtes Gemüse wurde im Keller aufgehoben, zum Beispiel Tomaten, Gurken oder Weißkohl. Man lagerte auch Wassermelonen für den Verzehr im Winter ein.

3. Vom Bauern zum Industriellen

Galerie: russlanddeutsche Industrie

Selbstverwaltung, großer Landbesitz, harte Arbeit und Sparsamkeit: Diese Kombination führte bei den Russlanddeutschen schnell zu wachsendem Wohlstand. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die meisten ihre Schulden beim russischen Staat abbezahlt, die sie für den Umzug nach Russland aufgenommen hatten. Nun fragten sich einige: Wohin mit dem Geld?

Übermäßiger Konsum und Luxus passten nicht zu ihren religiösen Überzeugungen. In den Dörfern hätte ein solches Verhalten auch niemand geduldet. Was also mit dem Geld anstellen? Hinzu kam das Bedürfnis der Siedler, ihre Landwirtschaft technisch zu verbessern. Geräte wie verbesserte Pflüge, Mähmaschinen u.ä. waren in ihrer russischen Umgebung aber nicht zu bekommen. Man musste sie also entweder teuer in Deutschland kaufen und in die Siedlungen transportieren lassen oder man stellte sie vor Ort selber her.

Genau dabei half das angesammelte Kapital: Viele Russlanddeutschen gründeten Industriebetriebe, nicht nur zur Herstellung von Landmaschinen, sondern auch zur Produktion von anderen Gebrauchsgegenständen. Mit ihren Produkten versorgten sie nicht nur die anderen Siedler, sondern bald auch die russische Bevölkerung. 1911 kam beispielsweise die Hälfte der in Russland gebauten Landmaschinen aus russlanddeutschen Betrieben.

Tabelle 2

Beschäftigung von Russlanddeutschen und Russen im Vergleich (nach russischer Volkszählung im Jahr 1897)

BeschäftigungRusslanddeutsche (Angaben in %) Russen (Angaben in %)
Verwaltung0,590,93
Kirche0,160,64
Handel, Banken2,332,62
Agrarbereich77,9178,61

Handwerk, Industrie

12,85

7,56

Quelle 3

Über den Einfluss der deutschen Kolonisten auf die Wirtschaft

"[Die Landwirtschaft der deutschen Kolonisten] arbeitete […] sich allmählich empor und diente in mancher Hinsicht als Muster für die umgebende russische Bevölkerung. […]

Im Laufe der Zeit wurden die alten landwirtschaftlichen Geräte, die, wie wir gesehen haben, schon von vornherein um vieles besser waren als die der russischen Bevölkerung immer mehr verbessert oder durch neue ersetzt. Bald wurden im ganzen Lande solche Geräte wie Worfelmaschinen, Ausreitsteine bekannt, die von den deutschen Kolonisten selbst hergestellt wurden. […] Die landwirtschaftlichen Geräte der deutschen Wirtschaft sind viel praktischer […]

Den nützlichen Einfluß der deutschen Wirtschaft auf die russische kann man in vielen Fällen beobachten Die deutschen Arbeitsmethoden sowie Einführung deutscher Geräte, Wirtschaftsgebäude fanden große Verbreitung bei den russischen Bauern. Durch die deutschen Kolonisten verbreiteten sich einige landwirtschaftliche Kulturen, wie die Senfkulturm Tabak- und Kartoffelbau. […]

Getreideexport aus der Wolgadeutschen Republik: Von dem im Jahre 1925 in der Wolgadeutschen Republik erzielten Ernteertragsüberschuß von rund 4 000 000 Pud Weizen und Roggen entfallen 2 300 000 Pud auf den Export nach dem Auslande."

Worfelmaschine: Eine Worfelmaschine trennt die sprichwörtliche 'Spreu vom Weizen'. Nachdem Getreide vom Feld geerntet wurde, wird es zuerst gedroschen, um die Getreidekörner aus ihren Hüllen zu lösen. Übrig bleiben die leeren Hüllen (die Spreu) und die Körner. Eine Worfelmaschine siebt die Spreu aus und lässt nur die Körner übrig.
Pud: russische Gewichtseinheit, entspricht 16,36 Kilogramm

 

A. Holzmann: Der Einfluß der deutschen Landwirtschaft auf die russische Umgebung. In: Das Neue Rußland : Zeitschrift für Kultur, Wirtschaft und Literatur, 1926 (1/2), S. 23ff. Online verfügbar unter: https://www.arthistoricum.net/werkansicht/dlf/182061/1/ [21.01.2021].

Aufgabe 1

Erläutere den Zusammenhang zwischen den Wertvorstellungen der Russlanddeutschen und ihrem wirtschaftlichen Erfolg.
Bereite dazu eine Präsentation vor.