6.7 Rückwanderung als Massenbewegung und Kampf um die russlanddeutsche Kultur in Russland nach 1990

Gehen oder bleiben?

Gehen oder bleiben?

Die Sowjetunion ging 1991 unter. Das war für viele Menschen der damaligen Zeit ein großer Einschnitt. Die UdSSR hatte über 70 Jahre bestanden und war lange Zeit die Führungsmacht eines Weltreichs gewesen. Viele Menschen konnten sich gar nicht vorstellen, dass die Sowjetunion einmal nicht mehr bestehen könnte. Was bedeutete dieses Ende für die Russlanddeutschen in der Sowjetunion?
Bevor ich anfing, mich mit der Geschichte der Russlanddeutschen genauer zu beschäftigen, nahm ich an, dass sie nach 1991 begonnen hätten, sich eine neues Leben in Freiheit aufzubauen. Ich hielt es für ganz natürlich, dass sie ihre Fähigkeiten genutzt hätten, um den Aufbau der Länder, in denen sie nun lebten, mitzugestalten und Wohlstand zu schaffen. War das so?
Sieh dir die spannende Entwicklung der Zeit nach 1990 im folgenden Kapitel an.

1. Der Drang nach dem besseren Leben – Rückwanderung nach Deutschland als Massenbewegung

Bescheid für einen Spätaussiedler über die Aufnahme in Deutschland (2005)

Mit dem Ende der Sowjetunion und dem Zusammenbruch des Ostblocks setzte bei den Russlanddeutschen eine große Auswanderungswelle nach Deutschland ein. Ihre zukünftige Stellung in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion war häufig ungewiss.
Die Grenzen waren nun offen. Auseinandergerissene Familien konnten wieder zusammengeführt werden. Und auch die Erinnerung an das 'Deutschsein' und das Bedürfnis, die deutsche 'Ur-Heimat' einmal zu sehen, wurden bei vielen Russlanddeutschen sehr stark. Außerdem verstärkte die wirtschaftliche Krise während des Übergangs zu einer kapitalistischen Wirtschaft das Gefühl der Perspektivlosigkeit.

Das vereinigte Deutschland erschien vielen Russlanddeutschen zudem als wirtschaftlich attraktives und gut organisiertes Land voller Lebenschancen. Nun begann eine Massenrückwanderung Russlanddeutscher nach Deutschland. Zwischen 1990 und 1997 gingen fast 1,3 Mio. Menschen mit deutscher Herkunft nach Deutschland. Die sogenannte Spätaussiedlung nach Deutschland wurde eine Bewegung mit großer Sogwirkung. Immer mehr Menschen ließen sich von dem Gedanken an ein einfacheres und besseres Leben in Deutschland faszinieren. In den Familien wünschten sich viele Eltern und Großeltern vor allem eine bessere Zukunft für ihre Kinder und wollten sich nicht vorwerfen lassen, Chancen verpasst zu haben. Sie wollten daher 'auf den fahrenden Zug aufzuspringen'.

Institut für digitales Lernen
Interview Dr. K. Neufeld
CC 4.0 BY-SA

Darstellung 1

Der russische Präsident Boris Jelzin (1931-2007) zur Wiederherstellung einer autonomen russlandeutschen Republik (1992)

Der Zerfall der Sowjetunion war von Spannungen zwischen den Nationalitäten begleitet. Das betraf u.a. auch das Verhältnis von Deutschen in Russland und Russen. Der russische Präsident reagierte auf diese Entwickungen. Zwar anerkannte er das Unrecht, das den Russlanddeutschen in der Stalin-Ära durch die Deporation und das Leben in Lagern zugefügt worden war. Eine Wiederbegründung der autonomen Republik der Russlanddeutschen kam für ihn jedoch nicht in Frage. Bei einer Reise nach Saratow Anfang 1992 sprach er sich sehr deutlich gegen solche Ideen aus. Die im Fernsehen übertragene Rede wurde von vielen Beobachtern als Slandal gewertet, da sie die Russlanddeutschen tendenziell abwertete. Fast schon herablassend bot Jelzin ein ehemaliges militärisches Testgelände als neues geschlossenes Siedlungsgebiet der Deutschen in Russland an. Dabei brachte er auch zum Ausdruck, dass die Deutschen die Verseuchung des Geländes beseitigen sollten.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Darstellung 2

Probleme durch die Rückwanderung und mit der Rückwanderung bei Jugendlichen

Die Jugendlichen, die in russlanddeutschen Gebieten (z.B. Kasachstan, Westsibirien) geboren und aufgewachsen sind, empfinden diese Länder und Regionen als ihre Heimat. Zu Deutschland haben sie ein anderes Verhältnis als ihre Eltern, Großeltern oder anderen älteren Verwandten, weswegen sich die Frage nach einer Auswanderung für sie anders beantwortet und ihnen eine Auswanderung besodners schwer fällt. Dadurch, dass sie durch die Auswanderung aus ihrer Heimat losgerissen werden, die für sie wichtigen Bindungen aufgeben müssen und in ein für sie fremdes Land mit einer fremden Kultur und einer anderen Sprache ziehen sollen, gibt es oftmals Probleme und Konflikte innerhalb der Familien. Oftmals fühlen sie sich entwurzelt in dieser für sie neuen und - vielleicht verhassten - Gesellschaft in Deutschland. Ein Neubeginn, wenn man diesen gar nicht möchte, fällt besonders schwer.

Sabrina Kölbel, Institut für digitales Lernen.

Aufgabe 1

Sieh dir den Film über 'Gründe für die Aussiedlung / Dr. Katharina Neufeld / Leiterin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte' an.

  • Schildere den inneren Konflikt von Frau Neufeld zur Aussiedlung.
  • Gib dabei die Gründe für diesen inneren Konflikt an.

Tabelle 1

Übersiedlungen von Russlanddeutschen in die Bundesrepublik Deutschland (1985-1996)

Jahrzugewanderte 
Russlanddeutsche
1991147.320
1992195.576
1993207.347
1994213.214
1995205.409
1996172.181
1997131.895
1998101.550
1999103.599
200094.558
200197.434
200290.587
Zusammengestellt auf Grundlage von Hessischer Landtag: Kleine Anfrage. Russlanddeutsche in Hessen. Drucks. 20/323, Wiesbaden 2019, S. 26. Online verfügbar unter: http://starweb.hessen.de/cache/DRS/20/3/00323.pdf [12.01.2021].
Aussiedlerfamilie aus Sibirien im bundesdeutschen Aufnahmelager Friedland (1988): Wird jetzt alles gut?
unbekannt, Bundesarchiv, B 145 Bild-F079037-0017
Lager Friedland, Familie aus Sibirien
CC 3.0 BY-SA

2. Die deutsche Bundesregierung und Russlanddeutschenhilfe

Die deutsche Bundesregierung förderte die russlanddeutsche Kultur nach 1990 intensiv. In vielen Siedlungszentren der Russlanddeutschen wurden beispielsweise Kulturvereine und andere Bildungseinrichtungen unterstützt. Außerdem wurde seit Mitte der 1990er Jahre in einer sogenannten 'Sprachoffensive' sehr intensiv das Lernen der deutschen Sprache gefördert. Bis Ende 1997 förderte die Bundesregierung beispielsweise in Russland und Kasachstan 6.219 Sprachkurse in 644 Orten mit etwa 105.000 Teilnehmerninnen und Teilnehmern. Die Kenntnis der deutschen Sprache war auch für diejenigen Russlanddeutschen wichtig, die nach Deutschland aussiedeln wollten. Zwar gaben bei der Übersiedlung etwa drei Viertel der Aussiedler Deutsch als ihre Muttersprache an, viele beherrschten die deutsche Sprache aber nicht gut. 

Darstellung 3

Sprachprobleme bei Spätaussiedlern

In der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen können ca. 49 Prozent nur wenige Worte bzw. gar kein Deutsch; bei den 45- bis 59-Jährigen sind es 34 Prozent und bei den über 60-Jährigen nur noch 22 Prozent.In der Altersgruppe der unter 25-Jährigen können mehr als die Hälfte - 53 Prozent - nur wenige Worte bzw. kein Deutsch. Aussiedler, die in der Öffentlichkeit untereinander nur Russisch sprechen, werden von vielen Einheimischen als Russen bezeichnet. Die Russlanddeutschen selbst fühlen sich diskriminiert, was sich in dem Ausspruch äußert: "In Russland war ich der Deutsche, hier bin ich Russe". Um diese Situation positiv zu verändern, hat die Bundesregierung 1996 eine "Sprachoffensive" eingeleitet. In den Herkunftsländern der Aussiedler, besonders in Russland und Kasachstan, sowie in Deutschland finden geförderte Deutschkurse statt (6 Monate, für Jugendliche 10 Monate).

www.russlanddeutschegeschichte.de/geschichte/teil4/neubeginn/sprachlich.htm [11.9.2016].

3. Keine Wolgarepublik, dafür nationale deutsche Rayons

Auf dieser Karte der russischen Föderation siehst du das Gebiet der deutschen Nationalrayons. In und um Omsk und Nowosibirsk leben heute die meisten Russlanddeutschen in Russland.
unbekannt
RDK

Deutscher Nationaler Rayon Asowo/Omsk in der Russischen Föderation

In Westsibirien, nahe der Stadt Omsk, wurde 1992 ein deutscher Rayon (Landkreis) gegründet. Zu Beginn der 1990er Jahre lebten dort in einigen Siedlungen mehrheitlich Deutsche. Die Gründung dieses Rayons wurde mit Geld und organisatorischer Hilfe von der deutschen Bundesregierung unterstützt.

Es entstanden neue Verwaltungsgebäude, Siedlungshäuser und soziale Einrichtungen wie Schulen und Gesundheitsstationen. Für alle Maßnahmen wurde ein Finanzierungsfond gegründet, der Kredite an bauwillige Personen und Firmen vergab. So wurde beispielsweise im Ort Krutsch 1994 ein Bauprojekt im Umfang von 2,76 Millionen Deutsche Mark begonnen. Es wurde zunächst ein Wohngebiet mit 30 Häusern und Wirtschaftsgebäuden, einer Schule und einer Erste-Hilfe-Station errichtet. Beim Bau der Siedlung wurden die späteren Bewohner von der Baufirma einbezogen. 

Seit 1996 erhielten im Nationalrayon 100 Erste-Hilfe-Stationen Medikamentenlieferungen, marode Gebäude wurden saniert und es entstand ein Altersheim mit 45 Wohneinheiten. Auch Straßen wurden neu gebaut.

Zur Pflege deutscher Kultur wurden zum Beispiel Kinderbuchwettbewerbe gefördert. Die deutsche Zeitung mit dem Namen 'Ihre Zeitung' brachte in den 1990er Jahre eine wöchentliche Ausgabe mit acht Seiten in deutscher Sprache heraus. Diese zählte im Omsker Gebiet zeitweise zu den meistverkauften Wochenzeitungen. 

Auch die Landwirtschaft wurde massiv gefördert. Mit Saatgut und Maschinen aus Deutschland wurde die Produktion gesteigert und die Qualität der Ernten verbessert. Zeitweise waren die Ernten im Asowo-Rayon um das Dreifache höher als im russischen Durchschnitt.

Deutscher Nationaler Rayon im Altai-Gebiet (Halbstadt) in der Russischen Föderation

Galerie: Der deutsche nationale Rayon im Altai-Gebiet
unbekannt
RDK

Die Bundesrepublik förderte seit 1989 ebenfalls ein Projekt zur Wiederherstellung eines deutschen Nationalrayons im Altai-Gebiet. Dieser Rayon hatte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg bestanden, war dann aber in der Zeit des stalinschen Terrors 1938 aufgelöst worden.

Im neu gegründeten Nationalrayon im Altai-Gebiet wurden in den 1990er Jahren ebenfalls Bauprojekte in Wirtschaft, Infrastruktur und Sozialwesen unterstützt, darunter Molkereien und Schlachthöfe. Auch ein Krankenhaus und Bildungseinrichtungen entstanden.

Viele deutschstämmige Menschen gingen auch während des erfolgreichen Aufbaus im Rayon nach Deutschland. Aus Kasachstan und Kirgisistan zogen viele Familien nach, die nur noch teilweise einen Bezug zur deutschen Kultur hatten. Die Pflege der deutschen Kultur ist daher ein wichtiges Anliegen des Rayons.

Beitrag des TV-Senders Deutsche Welle: Russlanddeutsche - Warum sie in der Heimat geblieben sind
https://www.youtube.com/watch?v=h1z-9t3-EyA

Aufgabe 2

Es gibt in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion viele Vereine, Interessengruppen oder Verwaltungseinrichtungen, in denen Russlanddeutsche heute ihr Leben gestalten und ihre Kultur pflegen. 

  1. Wenn du mehr darüber erfahren willst, kannst du zum Beispiel in den folgenden Internetauftritten recherchieren:

  2. Bereite einen Vortrag zum Thema 'Das Leben der Russlanddeutschen in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion' vor. 

    • Gehe dabei auf die Pflege der deutschen Kultur und Sprache und die Wirtschaftslage ein.
    • Achte auch darauf, wie sich Russlanddeutsche in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion heute beschreiben.