Im Jahr 9 n. Chr. wurde ein römisches Heer in Germanien vernichtend geschlagen. Die germanischen Truppen wurden von Arminius, einem Fürsten der Cherusker (germanischer Stammesverband) und römischen Bürger, angeführt. Der Ort der Schlacht ist bis heute nicht geklärt.
Nach unserer Zeitebeneneinteilung (siehe Methode 2) ist die Schlacht t1.
Dem Helden der Schlacht wurde bei Detmold in Nordrhein-Westfalen zwischen 1838 und 1875 ein riesiges Denkmal erbaut. Allerdings wurde dabei die national-liberale Haltung der Zeit auf Arminius projiziert. Man verpasste ihm jetzt auch den deutschen Namen Hermann. Das Denkmal sollte als Aufruf für ein geeinigtes deutsches Reich und als Freiheitssymbol der Völker verstanden werden.
Die Errichtung und Fertigstellung des Denkmals ist t2. Seine Deutung als Symbol für nationale Einheit und Freiheit für Deutschland ist t3a.
verschiedene Anonyme, Veröffentlichung: Ernst Keil's Nachfolger,
Bild aus Seite 640 in "Die Gartenlaube".
PD
Nach dem deutschen Sieg gegen Frankreich im Krieg von 1870/71 bekam das Denkmal mehr und mehr eine aggressive Deutung gegen Frankreich. Das nach Westen ausgerichtete Schwert sollte nun Stärke gegen den 'Erbfeind' symbolisieren.
Postkarte, datiert 1909. Titel: "1909 – Deutsche Einigkeit – meine Stärke, meine Stärke, Deutschlands Macht"
Diese erste 'Umdeutung' des Denkmals ist t3b.
In den Nischen des Denkmals wurden aggressive Sprüche angebracht, die sich auf den Kampf gegen Napoleon bezogen: "Nur weil deutsches Volk verwelscht [unter französischen oder italienischen Einfluss geraten] und durch Uneinigkeit machtlos geworden, konnte Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, mit Hilfe Deutscher Deutschland unterjochen; da endlich 1813 scharten sich um das von Preußen erhobene Schwert alle deutschen Stämme ihrem Vaterland aus Schmach die Freiheit erkämpfend."
Hermann wurde nun als deutscher Kämpfer gegen Frankreich interpretiert.
Dabei handelt es sich immer noch um t3b.
Das Schwert trägt die Innschrift: "DEUTSCHE:EINIGKEIT:MEINE:STAERKE
MEINE:STAERKE:DEUTSCHLANDS:MACHT"
Im Ersten Weltkrieg war das Hermannsdenkmal ein beliebtes Motiv, um gegen den 'Erbfeind' Frankreich Stimmung zu machen.
In der Zeit der Weimarer Republik kam es zu einer neuen Deutung des Denkmals. Rechtsextreme Parteien versammelten sich regelmäßig am Denkmal um eine Revanche gegen Frankreich zu fordern. Demokratische Parteien versuchten hingegen verzweifelt, die friedliche Deutung des Denkmals wieder zu beleben.
Ein schönes Beispiel für die Schwierigkeit der Zeitebeneneinteilung: Beginnt hier t3c, weil die Deutung des Denkmals sich nun auf die Niederlage im Ersten Weltkrieg (und nicht mehr gegen Napoleon) bezieht? Gibt es gleichzeitig ein t3d (friedliche Deutung des Denkmals)? Ich entscheide mich dagegen. Das Denkmal bleibt ein Symbol für deutsche Stärke gegen französische Feindseligkeit. Wir befinden uns immer noch in t3b.
Wehrmachtssoldaten posieren vor dem Denkmal im Jahr 1939.
Heute will man die riesige Statue "als Mahnmal für nachfolgende Generationen bewahren: als Mahnung an die schrecklichen Folgen eines Krieges und als mahnendes Friedensdenkmal."
Zudem spielt das Denkmal eine wichtige Rolle im Tourismus der Region: 500.000 Touristen besuchen jährlich das Denkmal.
Hier haben wir es eindeutig mit einer Umdeutung zu tun. Das Denkmal als Mahnmal ist somit t3c. Gleichzeitig ist das auch die Form und Deutung des Denkmals in der Gegenwart, also t4.
Michael Pereckas
Hermannsdenkmal
CC 2.0 BY